"Ihr könnt uns zwar die Einreise verweigern, aber nicht zum Schweigen bringen"

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Sexarbeiter fehlten auf der diesjährigen Welt-Aids-Konferenz in Washington. Der Grund: ihnen wird die Einreise in die USA verweigert. Stattdessen traf man sich zum Gegenkongress in Kalkutta (Kolkata), zum internationalen Sex Worker Freedom Festival. Ein Bericht von Ariane, Sexworkerin aus Berlin.

Es war eine bislang einmalige Zusammenkunft in der Geschichte der globalen Sexworker-Bewegung. Über 1000 Menschen aus allen Teilen der Welt – aus Peru, Nepal und China ebenso wie aus Russland, Ungarn und von den Fidji-Inseln – waren zum internationalen Sex Worker Freedom Festival nach Kalkutta gereist. Schon am Flughafen und auf dem Weg zur Tagungsstätte wurden die Delegierten mit Willkommensplakaten begrüßt.

Eingeladen und organisiert hatte das internationales Gipfeltreffen DURBAR, die Interessensvertretung der indischen Sexarbeiter mit mehr als 65.000 Mitgliedern, sowie die NGO-Organisation Global Network of Sexwork Projects (NSWP), die sich international für die Menschenrechte von Sexarbeitern einsetzt. Dass es überhaupt zu dieser Parallelveranstaltung der Weltaidskonferenz kommen musste, liegt an den US-Einreisebestimmungen.

Zwar war das Einreiseverbot für HIV-Positive 2010 aufgehoben worden, nicht aber jenes für Sexarbeiter und Drogenkonsumenten. Sie werden in den USA weiterhin als Kriminelle eingestuft und sind daher als Gäste des Landes nicht willkommen – auch nicht als Konferenzteilnehmer. Dank der US-amerikanischen Kollegen und Unterstützer waren die Teilnehmer des Festivals in Kalkutta durch tägliche Life-Konferenzen stets über die aktuellen Ereignisse in Washington informiert.

Auf dem Festival in Kalkutta sollten all jene Stimmen hörbar gemacht werden, die in Washington ausgeschlossen waren. Umso fataler, da gerade Sexarbeiter-Gruppen in ihren Communities nachweislich erfolgreiche wie wirkungsvolle Ansätze der Präventionsarbeit entwickelt haben. Erfahrungen und Kenntnisse, die in Washington nun nicht in die Diskussion mit eingebracht werden konnten.

Beispielhaft steht hier die HIV-Präventionsarbeit der indischen Sexworker-Gewerkschaft DURBAR. Durch Community-Projekte konnten die Zahl der Neuinfektion gesenkt, Safer Sex zwischen Kunden und Sexworkern stärker durchgesetzt, aber auch Zuhälter und kriminellen Kunden aus dem Arbeitsumfeld verdrängt werden. Die noch recht neue Organisation Amra Padatik wiederum widmet sich den gesellschaftlich ebenfalls stigmatisierten Kinder von Sexarbeiterinnen und kümmert sich um deren besondere Förderung.

Ein weiteres Beispiel bemerkenswerter Communityarbeit ist die westbengalische Kooperative USHA. Diese hat ein eigenständiges Finanzwesen entwickelt und ermöglicht Sexworkern durch Mikrokredite finanzielle Selbständigkeit und damit soziale wie politische Teilhabe – und dies, obwohl Sexarbeit in Indien auch weiterhin illegalisiert und gesellschaftlich geächtet ist. Auch in Deutschland verweigern übrigens viele Banken Sexarbeitern ebenfalls eine Kontoeröffnung, sofern sie sich gegenüber den Geldinstituten outen.

So unterschiedlich die kulturellen Hintergründe der in Kalkutta zusammengetroffenen Konferenzeilnehmerinnen und -teilnehmer auch waren, die Gemeinsamkeiten und Probleme im Zusammenhang mit unserer Arbeit waren größer als manch Außenstehender es wahrscheinlich vermutet hätte. Es sind insbesondere die gemeinsamen Erfahrungen von Diskriminierung und Stigmatisierung als auch die Auswirkungen der Kriminalisierung, die sich negativ auf die Arbeitsbedingungen und die Sicherheit der Sexworker auswirken.

Aus diesem Grunde gehörte zu den in Kalkutta formulieren Hauptforderungen auch die vollständige Entkriminalisierung der Sexarbeit. Erst durch die Anerkennung der Würde und der Menschenrechte von Sexarbeitern wird man verhindern können, dass diese nicht weiter ins Abseits der Gesellschaft gedrängt werden.

Die Kriminalisierungspolitik weltweit zeigt zudem, dass die Prävalenz von HIV in Ländern mit Prostitutionsverboten (ähnlich dem Verbot von Homosexualität) deutlich höher liegt, als in Ländern, die diese Verbote abgeschafft haben.

Kritik wurde auf der Konferenz nicht nur an der US-Einreisepolitik geäußert, sondern auch an den Richtlinien des „US President's Emergency Plan for AIDS Relief“ (PEPFAR). Denn diese sehen vor, dass kein Programm oder Projekt gefördert wird, das in Beziehung zu Sexarbeit oder der Legalisierung von Sexarbeit steht. Damit verhindert PEPFAR wirkungsvolle Hilfsangebote für Sexarbeiter und trägt entscheidend zu weiterer Ausgrenzung und schlechtem Gesundheitsschutz bei, so der in Kalkutta auf mehreren Veranstaltungen formulierte Vorwurf.

Links zu weiterführenden Beiträgen:

Konferenz-Abschlussdeklaration, die „Kolkata Platform of Action“

Beiträge zum Kongress des Internationale Netzwerk von Sexarbeitenden (NSWP) bei „Positive Stimmen“ und der US-Sexworker-Organisation „Best Practice“:
http://www.bestpracticespolicy.org/IAC_actioncall_20121.html
http://www.positive-stimmen.de/blog/20120712/„entkriminalisierung-der-sexarbeit-–-weltweit“

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