"positive stimmen" von Frauen: Überraschendes und Erschreckendes

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Im Community-Forschungsprojekt „positive stimmen“ berichteten auch 280 Frauen von ihren Erfahrungen mit HIV-bezogener Diskriminierung. Welche Erkenntnisse dabei zutage traten, erläutert „positive stimmen“-Beirätin Sabine Weinmann im Gespräch mit Axel Schock.

 

Frau Weinmann, zeigten sich bei der Auswertung der insgesamt 1.148 Interviews Unterschiede zwischen HIV-positiven Männern und Frauen?

Viele Vermutungen haben sich nun leider auch durch harte Zahlen bewahrheitet. Die Auswertung ergab, dass HIV-infizierte Frauen im Vergleich zu den Männern über geringere Bildung verfügen, dass der Anteil Beschäftigter bei ihnen weitaus geringer ist und dass sie auch weniger verdienen. Viele sind außerdem mehrfach belastet, etwa als Migrantin, alleinerziehende Mutter und Berufstätige. Damit einher geht meist auch mehrfache Stigmatisierung – aufgrund ihrer HIV-Erkrankung, ihrer Herkunft oder weil sie Sexarbeiterin oder Drogenkonsumentin sind. Frauen erlebten signifikant häufiger Beleidigung und körperliche Bedrohung als Männer.

Gab es für Sie auch überraschende Erkenntnisse?

Mich hat erschreckt, wie viele Frauen von medizinischem Personal zu einer Abtreibung genötigt worden sind. Dass manche Frauen auf ärztliches Drängen sogar noch sterilisiert wurden, hätte ich nicht vermutet. Davon betroffen waren vor allem Migrantinnen. Aus den erhobenen Daten ließ sich allerdings nicht genau erschließen, ob der Zwang zur Sterilisation im Herkunftsland oder in Deutschland ausgeübt wurde.

30 Prozent der befragten Frauen berichteten von Nötigung durch medizinisches Personal. Wie erklären Sie sich diese hohe Rate?

Fast einem Viertel der Frauen wurde bei einem positiven HIV-Test in der Schwangerschaft geraten, das Kind nicht zu bekommen und abzutreiben. Allerdings lag das bei 70 Prozent der Fälle schon 15 Jahre zurück. Nur ein kleiner Teil berichtete, dass ihnen das erst vor einigen Jahren passierte. Über eine Sterilisation beklagten sich meist Migrantinnen, wobei sich der Zeitpunkt allerdings nicht genau erschließen lässt. Es ist aber anzunehmen, dass so etwas auch heute noch passiert. Man muss dabei berücksichtigen, dass die Daten nicht nur in Metropolen wie Berlin, Frankfurt oder Köln gesammelt wurden. In Kleinstädten und ländlichen Gebieten ist es um den medizinischen Wissensstand und die Versorgung HIV-Positiver meist nicht so gut bestellt. Dort sind die Ärzte und das medizinische Personal offensichtlich immer noch nicht ausreichend aufgeklärt.

Erbrachte die Studie weitere interessante Erkenntnisse?

Spannend finde ich das Ergebnis zur Bildung. Die befragten Männer gaben eine deutlich höhere Bildung an als die befragten Frauen. Das ist zwar auch aus anderen Studien bekannt, aber so richtig klar war es für mich bis dahin nicht. Meiner Meinung nach lässt sich das durch die Mehrfachbelastung und die Gruppenspezifik erklären.

Hat sich die Haltung der Gesellschaft zu positiven Frauen verändert?

Die erfreulichste Entwicklung ist für mich, dass sich – gerade in den letzten Jahren in großen Städten – immer mehr Frauen sichtbar machen. Daran haben wir schließlich lange gearbeitet. Und in der Gesellschaft haben viele begriffen, dass es HIV-positive Frauen gibt und dass die meisten mit dem Virus ein fast normales Leben leben können. Was das aber letztlich für die Einzelne bedeutet, können sicherlich nur die wenigsten nachvollziehen.

40 Prozent der befragten Frauen befürchten sexuelle Zurückweisung und andere Formen von Ablehnung. Was kann man dagegen tun?

An die Gesellschaft gerichtete Aufklärungskampagnen zu Viruslast, Medikamenten und Infektiosität müssen verstärkt werden. Außerdem hat sich gezeigt, dass HIV-positive Frauen durch ein Engagement im HIV-Bereich selbstsicherer und stärker werden, was sich dann auch auf die Außenwahrnehmung auswirkt. Wir müssen uns aber auch im Klaren sein, dass in den Aidshilfen nur rund ein Viertel aller HIV-Positiven bedient wird. Die Budgets und die Strukturen reichen nicht aus, um tatsächlich alle zu erreichen. Ungeachtet dessen gibt es – trotz aller guten Entwicklungen – immer noch nicht genug Empowerment. Die Angebote für Frauen müssen deshalb differenzierter werden, als dies bisher der Fall ist. Vielerorts muss man mit ganz kleinen Schritten anfangen und Selbsthilfe aufbauen.

Was ist darunter zu verstehen? Der entscheidende Schlüssel sind Multiplikatorinnen, also Frauen, die selbst HIV-positiv sind und hinausgehen, um Kontakte zu knüpfen, andere zu informieren und zu motivieren. Die Erfahrung zeigt nämlich, dass Menschen, die in solche private Netzwerke eingebunden sind, das Leben mit HIV viel besser meistern. Deshalb ist es wichtig, die bereits bestehenden Frauennetzwerke auch finanziell stärker zu unterstützen.

Welche Empfehlungen ergeben sich aus der Studie?

Die finanzielle Situation ist bei Frauen oft prekär. Hier sollte es Beschäftigungsangebote geben, die ihren Möglichkeiten entsprechen, zum Beispiel in Form eines flexiblen Zuverdiensts zur Grundsicherung. Zum Abbau von Diskriminierung in der Arbeitswelt ist es notwendig, über das heutige Leben HIV-positiver Frauen aufzuklären. Den Zugang zur Bildung gilt es zu erleichtern, insbesondere für Migrantinnen: Ihnen müsste ein Deutschkurs viel schneller bewilligt werden, als dies derzeit Praxis ist. In ländlichen Gegenden, wo es keine HIV-Schwerpunktpraxen gibt, muss die Versorgung für HIV-Patienten und -Patientinnen dringend verbessert werden. Wir denken da beispielsweise an ein Modell, in dem sich die behandelnden Ärzte mit Fachkollegen in anderen Städten vernetzen, um sich zur Therapie und deren Verlauf austauschen und beraten zu können. Und nicht zuletzt müssen an die Gesellschaft gerichtete Aufklärungskampagnen zum heutigen Leben mit HIV und zur medizinischen Entwicklung weitergeführt werden.

Frau Weinmann, vielen Dank für das Interview.

Weitere Informationen:
Internetseite des Forschungsprojekts positive stimmen

Frauenspezifische Ergebnisse von positive stimmen (Ute Herrmann, Carolin Vierneisel)

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