Vaginale Geburt versus Kaiserschnitt?

Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen und den Erfahrungen der letzten Jahre ist der protektive Effekt einer primären Kaiserschnittentbindung für die Mutter-Kind-Übertragung bei HIV infizierten Frauen unter bestimmten Bedingungen allenfalls minimal.

Wichtig ist dass die HIV Infektion der Schwangeren rechtzeitig erkannt wird und durch die Einnahme von HIV Medikamenten die Menge des HI-Virus im Blut in einem sehr niedrigen Bereich (idealerweise unter der Nachweisgrenze) liegt. Dennoch wird immer wieder berichtet, dass HIV- positiven Schwangeren weiterhin zu einem Kaiserschnitt geraten wird und sie die Methode der Geburt nicht selbst bestimmen können. Eine Studie von Johanna Verhoven liefert hierzu interessante neue Erkenntnisse.

Hintergrund und Forschungsfragen

Die vorliegende sozialwissenschaftliche Studie stellt die Standpunkte, Erfahrungen und Gefühle HIV-positiver Frauen während erlebter Schwangerschaften und Geburten dar. Als zentrale Fragestellung ergab sich, ob HIV-positive Frauen heute in Deutschland bei der Entbindung über die Art der Geburt ihres Kindes selbstbestimmt entscheiden können.  Vor allem die Frage nach Veränderungen seit der EKAF-Studie führen zu folgender Forschungsfrage:

„Durch welche Art der Entbindung (natürliche Geburt oder Kaiserschnitt) kommen Kinder HIV-positiver Frauen auf die Welt? Ist es den Frauen möglich, die Methode der Geburt selbstbestimmt zu wählen?“

Zusätzlich zu dieser Forschungsfrage wurden folgende Arbeitshypothesen geprüft:

Frauen mit HIV wird in vielen Krankenhäusern, aus verschiedenen Gründen, eine natürliche Geburt vorenthalten, sie wünschen sich selbst eine Entbindung durch Kaiserschnitt aus Angst vor einer Infektion des Kindes und machen während einer Schwangerschaft verstärkt Diskriminierungserfahrungen im medizinischen Bereich.

Methodik und Stichprobe

Für die Studie wurde der Fragebogen als Methode der quantitativen Forschung ausgewählt. Er gibt zunächst einen Überblick über die Situation, ermittelt Bedarfe und verleiht den Frauen niedrigschwellig eine Stimme.

An der Befragung nahmen 35 Frauen im Alter von 20 bis 56 Jahren teil. Insgesamt haben sie 52 Kinder, von denen eins HIV-positiv ist. Von den erfassten Kindern wurden 37% vaginal und 63% per Kaiserschnitt entbunden.

Im Folgenden werden die Entbindungen der Kinder, die vor bzw. ab dem Jahr 2008 entbunden worden sind, genauer betrachtet, um eventuelle Bezüge zu Veränderungen bezüglich der Entscheidung für eine Art der Geburt nach Erscheinen der EKAF-Studie herstellen zu können. Vor 2008 gab es 13 Kaiserschnitte und 9 vaginale Geburten, nach 2008 20 Kaiserschnitte und 10 vaginale Geburten. Die Befragung der Frauen bezog sich jeweils auf ihr zuletzt geborenes Kind.

Ergebnisse bzgl. der Forschungsfragen

  1. Wie werden Kinder geboren, wenn die Mütter bereits von ihrer HIV-Infektion wussten:
  • Vor 2008: 4 vaginale Geburten und 13 Kaiserschnitte
  • Nach 2008: 7 vaginale Geburten und 20 Kaiserschnitte.
  1. Selbstbestimmte Entscheidung bzgl. der Art der Entbindung
  • 63% der Frauen hatten keine Möglichkeit  selbstbestimmt über die Art der Entbindung zu entscheiden. Davon hatten 91% einen Kaiserschnitt.
  • 12 Frauen gaben an selbstbestimmt entschieden zu haben. 80% von ihnen entbanden vaginal.
  • 53% der Frauen gaben an selbst starken Einfluss  auf die Entscheidung gehabt zu haben. Von ihnen hatten jeweils 50% einen Kaiserschnitt bzw. eine vaginale Geburt.
  • Von den Frauen, die nach 2008 entbunden haben gaben 15 an selbstbestimmt  entschieden zu haben. Vor 2008 waren es lediglich 6 Frauen.
  • 75% schrieben den Ärzt_innen einen starken Einfluss zu. 80% dieser Frauen, entbanden per Kaiserschnitt. 16 von ihnen entbanden nach 2008.
  1. Wunsch nach Kaiserschnitt
    • 21 Frauen machten Angaben zu ihren Beweggründen bzgl. eines Kaiserschnittes. 91% gaben die HIV-infektion als solche sowie die Sorge um die Gesundheit des eigenen Kindes (90%) als Gründe an.
    • 45% der Frauen gaben an sich einen Kaiserschnitt stark bis sehr stark gewünscht zu haben. Darüber hinaus gaben 37% an Angst vor einer vaginalen Geburt gehabt zu haben. Von diesen Frauen entbanden 2 vor und 6 nach 2008.
    • 46% der Frauen gaben an zum Zeitpunkt der Geburt eine Viruslast oberhalb der Nachweisgrenze gehabt zu haben.
  2. Vorenthalten einer vaginalen Geburt
  • 2 Frauen gaben an bereits an der Pforte der Klinik abgewiesen worden zu sein.
  • 57% gaben an, dass ihnen mitgeteilt wurde, sie könnten ihr Kind nur in einer spezialisierten Klinik entbinden.
  • 37% der Frauen, die per Kaiserschnitt entbunden haben, gaben als Grund dafür an, dass Kaiserschnitte in der Klinik Vorschrift für HIV-positive Frauen sind.
  1. Diskriminierungserfahrungen
  • 6 Frauen gaben an von einem Arzt/einer Ärztin aufgrund der HIV-Infektion nicht behandelt worden zu sein. Nur eine von ihnen wurde vor 2008 abgewiesen.
  • Eine geringe Anzahl von Frauen (3-6) fühlte sich von der Verwaltung des Krankenhauses, dem Pflegepersonal oder den Ärzt_innen mit Vorbehalt behandelt. Diese Aussagen stammen fast ausschließlich von Frauen, die vor 2008 entbunden haben.
  • 29% der Frauen haben sich in der Klinik nicht wohlgefühlt. 80% von ihnen haben per Kaiserschnitt entbunden.
  • 71% fühlten sich als HIV-positive Person offen in der Klinik aufgenommen und behandelt.

Diskussion

Zusammenfassend lässt sich sagen,  dass Kinder von HIV-positiven Frauen auch nach 2008 häufig per Kaiserschnitt auf die Welt kommen. Die absolute Zahl vaginaler Geburten ist zwar nach 2008 leicht gestiegen, allerdings kann daraus kein Rückschluss darauf gezogen werden, ob die Anzahl der vaginalen Geburten generell signifikant angestiegen ist.

63% der Frauen hatten nach eigenen Angaben nicht die Möglichkeit selbstbestimmt über die Art der Geburt zu entscheiden und viele der Frauen empfanden den Einfluss der Ärzt_innen als sehr groß. Der Vergleich zwischen den Frauen, die vor bzw. nach 2008 entbunden haben zeigt, dass immer noch nicht alle Frauen selbstbestimmt entscheiden können. Allerdings gibt es eine Tendenz zu mehr Selbstbestimmung ab 2008, da ab diesem Zeitpunkt signifikant mehr Frauen eine selbstbestimmte Entscheidung bestätigten. Dennoch gab es auch nach 2008 noch einen großen Anteil an Frauen,  die nicht selbstbestimmt entscheiden konnten. So gaben 2 Frauen explizit die Fremdbestimmung und 3 den Kaiserschnitt als negativen Aspekt an.

Etwas weniger als 50% der Frauen, die einen Kaiserschnitt hatten gab an, dass sie sich einen Kaiserschnitt wünschten.  Das bestätigt die Hypothese, dass Frauen sich auch aktuell noch gelegentlich einen Kaiserschnitt wünschen und die Anzahl der Kaiserschnitte nicht alleine durch Fremdbestimmung besteht. Das bestätigt sich auch in den Aussagen der Frauen, die den Kaiserschnitt als positiven Aspekt der Geburt angaben. 

Die Antworten der Frauen bestätigen allerdings  auch die Hypothese, dass HIV-positiven Frauen nicht selten eine natürliche Geburt vorenthalten wird. Vielen  wurde mitgeteilt, dass sie nur in einer spezialisierten Klinik entbunden werden können. In kleineren Kliniken wäre eine natürliche Geburt also kaum möglich gewesen. Von den Frauen, die einen Kaiserschnitt hatten, gaben darüber hinaus einige an, dass ein Grund für den Kaiserschnitt in der Tatsache bestand, dass ein Kaiserschnitt Vorschrift für HIV-positive Frauen war.

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